Der heute evangelische Naumburger Dom St. Peter und Paul in Naumburg (Saale) ist die ehemalige Kathedrale des Bistums Naumburg und stammt größtenteils aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Er gehört zu den bedeutendsten Bauwerken der Spätromanik in Sachsen-Anhalt, ist eine Station an der Straße der Romanik und seit 2018 UNESCO-Weltkulturerbe.

Frühromanischer Kirchenbau
Bald nach der Genehmigung der Verlegung des Bischofssitzes von Zeitz nach Naumburg, wohl im Frühjahr 1029, wurde unmittelbar östlich der Stiftskirche mit dem Bau der ersten frühromanischen Naumburger Kathedrale begonnen. Sie wurde in der Amtszeit des Merseburger Bischofs Hunold, der zwischen 1036 und 1050 regierte, vor dem Jahr 1044 geweiht. Das Patrozinium Peter und Paul wurde von der Zeitzer Kirche übernommen.
Bei Ausgrabungen wurden die Fundamente des ersten Domes unter dem heutigen Dom gefunden. Die erste Naumburger Kathedrale war eine dreischiffige, kreuzförmige Basilika, die kleiner als der heutige Dom war. Ihr Chor reichte nicht ganz bis an das Ostende des spätromanischen Chorquadrats. Die Seitenwände endeten westlich in wenig vortretenden quadratischen Türmen, deren Fundamente etwa 7 m östlich des frühgotischen Westlettners liegen. Zwischen den Türmen befand sich ein kleiner, apsidial geschlossener Chor mit einer darunter liegenden Krypta. Die Türme waren durch eine gerade Westwand verbunden, so dass die Chorapsis von außen nicht sichtbar war. Das Hauptportal befand sich sehr wahrscheinlich schon damals in der südlichen Stirnwand des Querhauses. Um 1160/70 erhielt der frühromanische Dom eine Hallenkrypta. Diese Krypta wurde in den ab etwa 1210 entstehenden Domneubau übernommen.
An der Stelle des heutigen Westchores erhob sich ursprünglich die Stiftskirche der ekkehardingischen Burg, die Kirche des Kollegiatstifts St. Marien. Reste ihrer Mauern blieben in den Westtürmen erhalten.
Spätromanischer Neubau
Unter Bischof Engelhard (1207–1242) wurde um 1210 ein spätromanischer Neubau begonnen. Der Neubau wurde im Langhaus begonnen, wahrscheinlich, weil die Ostteile des Domes im Zusammenhang mit dem Einbau der Krypta kurz zuvor aufwendig umgebaut worden waren. Der Neubau des Langhauses wurde jedoch bald aufgegeben. Stattdessen begann man mit der Errichtung der neuen Ostteile des Domes und führte den Neubau dann schrittweise nach Westen weiter. Der neue, bis heute bestehende Dom ist eine gewölbte Bündelpfeiler-Basilika mit Ostchor, Ostquerschiff und ausgeschiedener Vierung sowie einer dreiteiligen Krypta. Die Schlussweihe des Domes erfolgte einer Quelle des 18. Jahrhunderts zufolge am 29. Juni 1242.
Bau des frühgotischen Westchores mit Arbeiten des Naumburger Meisters
Vermutlich auf Veranlassung des Wettiner Markgrafen Heinrich von Meißen begann um 1250 die Errichtung des frühgotischen Westchores, wobei einzelne Autoren einen Baubeginn bereits ab etwa 1245 für denkbar halten. Die These von Ernst Schubert, dass der Westchor eine frühromanische Burgstiftskirche unmittelbar westlich des Domes ersetzte, wurde kürzlich von Holger Kunde mit neu erschlossenen Belegen unwahrscheinlich gemacht.[2]
Das Chorquadrat mit einem sechsteiligen Gewölbe ist im Westen durch ein 5/8-Polygon geschlossen. Der Bau war wahrscheinlich um 1260 beendet. Die Westchor-Werkstatt errichtete noch das erste frei stehende Geschoss des Nordwestturmes des Domes und zog dann weiter nach Meißen.
Vom Langhaus des Domes wird der Westchor durch den aufwendig gestalteten Lettner abgegrenzt. Er gehört mit seinen Passionsreliefs und der Kreuzigungsgruppe im Portal zu den Hauptwerken des Naumburger Meisters, der an den Neubauten der Kathedralen zu Noyon, Reims und Amiens mitgearbeitet hatte und danach vielleicht in Metz, sicher aber in Straßburg und in Mainz tätig war. Der Lettner diente zur Zeit seiner Errichtung der Abgrenzung der Kirchenherren von den übrigen Nutzern. Von großer kunst- und frömmigkeitsgeschichtlicher Bedeutung ist die Kreuzigungsgruppe am Portal. Die feingearbeiteten, naturnahen Kapitelle des Westlettners in den Blendarkaden und an der Rückwand des Chorgestühls (Dorsale) erlauben sogar eine botanische Bestimmung der verschiedenen dargestellten Pflanzen.[3]
Die zur Zeit seiner Errichtung amtierenden Landesherren und Stifter sind in den Arkadenfries im Innern des Westchors eingebunden. Es sind die Brüder Ekkehard II. (Schildumschrift: „ECHARTVS MARCHIO“) und Hermann, Markgrafen von Meißen, und ihre Ehefrauen, die in der Kunstgeschichte weltberühmte Uta und Reglindis. Die Stifterfiguren vermitteln durch ihre Haltung und Gestik zwischen den Säulen und dem Innenraum.
Der Naumburger Meister war nicht nur der Architekt des Westchores, sondern wahrscheinlich auch der leitende Bildhauer: Er dürfte die Stifterfiguren aus Grillenburger Sandstein entworfen und an einigen selbst mitgearbeitet haben. Dargestellt sind unter anderen an hervorgehobener Position die rund 200 Jahre vor der Errichtung des Westchores verstorbenen Erststifter der Naumburger Domkirche. Sie waren im Vorgängerbau des heutigen Domes und in der unmittelbar benachbarten frühromanischen Stiftskirche bestattet worden.
Der Naumburger Bischof Dietrich II. von Meißen führt 1249 in einem Briefe elf Namen der Gründer der Domkirche aus drei Generationen auf: „Hermannus marchio, Regelyndis marchionissa, Eckehardus marchio, Uta marchionissa, Syzzo comes, Conradus comes, Wilhelmus comes, Gepa comitissa, Berchta comitissa, Theodoricus comes, Gerburch comitissa“. In den Naumburger Mortuologien werden noch drei weitere Stifter genannt: „Timo von Kistritz/Köstritz, Graf Dietmar und Gräfin Adelheid“. Nach bisher vorherrschender Meinung wurden von den zwölf Stifterfiguren Hermann und Ekkehard II. der Familie der Ekkehardiner und alle übrigen der Familie der Wettiner zugeordnet. Auf der Nordseite: Dietrich Graf von Brehna, Gepa (oder Adelheid, Äbtissin von Gernrode), Markgraf Ekkehard II. und Uta; auf der Südseite: Gerburg (oder Berchta), Konrad Graf von Landsberg (Kopf und rechter Arm im 19. Jahrhundert ergänzt), Markgraf Hermann und Reglindis; im Chorhaupt: Graf Dietmar (Schildumschrift: „DITMARVS COMES OCCISVS“ für Graf Dietrich, der erschlagen wurde), Sizzo Graf von Kevernburg (die Schildumschrift „SYZZO COMES DO“ kann man mit Syzzo, Graf von Thüringen oder mit Graf Syzzo, der Stifter übersetzen), Wilhelm Graf von Camburg (Schildumschrift: „WILHELMVS COMES VNVS FVNDATORVM“) und Timo Graf von Kistritz (Schildumschrift: „TIMO DE KISTERICZ QVI DEDIT ECCLESIE SEPTEM VILLA“). Es sind acht Männer und vier Frauen des deutschen Hochadels, Stifter des ersten Domes und verwandt mit dem Bauherrn Bischof Dietrich II. Die Besonderheit der Stifterfiguren liegt in ihrer wirklichkeitsnahen Darstellung der Kleider aus Loden und Leder und der Waffen.
Die einzigartige Darstellung von Laien an einem Platz, der sonst nur Heiligen vorbehalten war, könnte mit ihren hohen Verdiensten für den Dom erklärt werden. Die Standbilder im Naumburger Westchor ersetzten Stiftergrabmäler, die im Zuge des spätromanischen Domneubaus aufgegeben werden mussten. So wäre für die Fortführung der Memorialdienste für die Stifter des Domes und der ekkehardingischen Stiftskirche gesorgt gewesen. Heinz Wießner schreibt die Entstehung der Stifterfiguren Markgraf Heinrich zu, die er als künstlerische Demonstration seiner Schutzherrschaft über das Domstift schaffen ließ. Dies würde auch das Vorhandensein der Laienstatuen im Chorinneren einer Bischofskirche erklären. Die Fassung der Stifterfiguren erfolgte erst im 16. Jahrhundert.
Wolfgang Hartmann ordnet mehrere der dargestellten Personen dem mittelrheinisch-fränkischen Adelsgeschlecht der Reginbodonen und dessen näherer Verwandtschaft zu: Dietrich von Brehna (nach Hartmann: Ludwig der Springer), Gepa/Adelheid (nach Hartmann: Adelheid von Camburg, Gattin Graf Dietmars von Selbold-Gelnhausen); Gerburg (nach Hartmann: Adelheid, Gattin Ludwig des Springers); Dietmar (nach Hartmann identisch mit dem reginbodonischen Graf Dietmar von Selbold-Gelnhausen), Wilhelm von Camburg (ist nach Hartmann der Schwager Graf Dietmars von Selbold-Gelnhausen) und Timo von Kistritz (nach Hartmann: Sohn des Grafen Dietmar von Selbold-Gelnhausen). Aus der Ausrichtung mehrerer Bildnisse auf die Figur des Grafen Dietmar schließt Wolfgang Hartmann, dass im Westchor nicht nur an verdiente Stifterpersönlichkeiten erinnert wird, sondern vorrangig an ein mit dem Schicksal des Grafen Dietmar verknüpftes historisches Ereignis. Bisher wird angenommen, dass es sich bei Dietmar um den 1048 gefallenen sächsischen Grafen aus dem Hause Billung handelt. In Betracht kommt aber auch der 1034 ermordete sächsische Pfalzgraf Dietrich aus dem Hause Wettin, der mit der Tochter von Ekkehard I. verheiratet war. Hartmann meint hingegen, dass es sich bei dieser Zentralfigur des Stifterzyklus um den Grafen Dietmar von Selbold-Gelnhausen handelt. Dieser Graf sei in der reichspolitisch bedeutenden Schlacht am Welfesholz (11. Februar 1115) gefallen. Vor diesem politischen Hintergrund und der Lebensgeschichte des Grafen Dietmar ließe sich die Gestaltung der Stifterfiguren erklären. Für den Initiator und letztlich Hauptverantwortlichen für die Konzeption des Stifterzyklus hält Hartmann den Naumburger Domherrn und Magister Petrus, der als Mitglied der Familie derer von Camburg-Hain (Hainspitz) ein Nachkomme des Grafen Dietmar gewesen sei.
Zwei weitere Bildwerke aus der Werkstatt des Naumburger Meisters befinden sich im Hochchor: das Grabmal Bischof Dietrichs II. (früher meist als Grabmal Bischof Hildewards bezeichnet) und das lebensgroße Standbild eines Diakons mit Lesepult.
Hochgotische Erweiterung des Ostchores
Um 1330 wurde die spätromanische Apsis durch ein hochgotisches, querrechteckiges Chorjoch mit 6/10-Schluss ersetzt. Auf den Strebepfeilern am Chorscheitel und südlich daneben wurden die seither mehrfach restaurierten bzw. erneuerten überlebensgroßen Figuren der Patrone des Domes aufgestellt. Von hohem künstlerischem Wert sind die Glasmalereien in den Fenstern, die zum Teil aus der Bauzeit des Chores stammen. Sie zeigen die klugen und törichten Jungfrauen, die Tugenden und Propheten, während die Passion, Marienszenen, Apostel und Propheten auf ebenfalls sehr qualitätsvollen Scheiben aus dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts dargestellt sind.
Eine Kuriosität ist die Darstellung zweier schachspielender Affen in einem Kapitell an der Nordwand des Ostchores.
Der Ost-Lettner ist das älteste erhaltene Beispiel eines Hallenlettners. Er wurde im Zuge des spätromanischen Domneubaus um 1230 errichtet. Im mittleren Joch der Lettnerhalle steht ein Altar aus dem 19. Jahrhundert, seitlich führen steile Treppen durch zwei kleine Pforten zum Chor hinauf.
Spätgotische Umbauten
Die oberen Geschosse des Nordwestturmes wurden im 14. und 15. Jahrhundert errichtet. Vermutlich nach einem Brand 1532 wurden die oberen Teile der Osttürme erneuert und mit spätgotischen Maßwerkformen verziert.
Spätere Umbauten und Restaurierungen
Ein mutwillig gelegter Brand beschädigte 1532 den Dom schwer. Das Feuer zerstörte die Dächer, große Teile der Ausstattung und weite Flächen des Mauerwerks. Die Brandschäden wurden teilweise erst im 19. Jahrhundert endgültig beseitigt.
1711 und 1713 erhielten die Osttürme Barockhauben mit Laternen. Ursprünglich besaßen sie wohl achtseitige Zeltdächer wie die der benachbarten Freyburger Stadtkirche. Die reiche Barockausstattung aus den 1730er-Jahren wurde durch eine puristische Restaurierung von 1874 bis 1878 wieder beseitigt. Nach 1884 konnte der Südwestturm im Stil der Neogotik vollendet werden. Auch die Turmhelme stammen erst aus dem späten 19. Jahrhundert. Der Glasmaler Otto Linnemann schuf 1903 fünf Fenster und 1926 ein weiteres im Seitenschiff mit Wappendarstellungen. Unterlagen hierzu befinden sich im Linnemann-Archiv.
1936 bis 1940 wurde der Kreuzhof ohne begleitende archäologische Untersuchungen abgesenkt und ein Torgebäude zwischen Dreikönigskapelle und Marienkirche errichtet. Zwischen 1960 und 1968 wurde der Dom vollständig instand gesetzt. Dabei wurden umfangreiche Ausgrabungen vorgenommen. Nach 1989 wurden alle Dächer der Kirche und der Dreikönigskapelle neu gedeckt. Der heutige Dom hat eine Gesamtlänge von 95 Metern und eine Breite von 22,5 Metern.

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